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Berufsverband der Augenärzte
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Pressekonferenz

anläßlich der 38. Wiesbadener Tagung des BVA, 19.11.98


Farbenfehlsichtkeit - korrigierbar mit farbigen Kontaktlinsen?

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Aus Großbritannien kam die Kunde, es gebe ein System, das Farbenfehlsichtigen zu einem besseren Farbunterscheidungsvermögen verhelfen könne. Dieses System heißt ChromaGen und wurde auch schon im deutschen Fernsehen vorgestellt. Ein ausführlicher Bericht mit dem Titel "ChromaGen im Test" stand in der augenoptischen Fachzeitung "Die Kontaktlinse" Ausgabe 10/98. Der Autor ist N. Burnett Hodd, Association of Optometrists, London.

Bei ChromaGen handelt es sich um Farbfilter und gefärbte weiche Kontaktlinsen, die einseitig getragen werden. Die Wirkung wird vorab mit handelsüblichen gedruckten Farbtesttafeln eingeschätzt. Anschließend bewertet der Proband ein farbiges Testbild auf dem Monitor.

Von 33 farbenfehlsichtigen Patienten sollen 22 durch ChromaGen eine Besserung ihres Farbensehens erfahren haben. Herr Hodd berichtet, daß viele von ihnen mit Hilfe von ChromaGen in der Lage waren, die gedruckten Farbtesttafeln zu erkennen. "Ein Patient konnte nach vergangenen erfolglosen Versuchen zur Air Force". Der Bericht gibt Briefe wieder, in denen Patienten u.a. eine intensivere Rot-Wahrnehmung schildern und auch 3D-Effekte.

In einer Tabelle führt Burnett Hodd 33 Patienten mit verschiedenen Farbenfehlsichtigkeiten auf, unter ihnen - wie aus dem Text hervorgeht - auch solche mit Farbensinnstörungen durch Netzhautkrankheiten. In 22 Fällen wird die Wirkung von ChromaGen als Erfolg gewertet, bei 11 Patienten dagegen als Versagen. Eine Definition - quantitative Kriterien oder eine statistische Beurteilung - von "Erfolg" und "Versagen" wird allerdings nicht gegeben, ein Beweis für die Wirkung somit nicht erbracht. Die beobachteten Effekte erklärt der Autor mit der Verwirrung, die durch einseitiges Tragen farbiger Kontaktlinsen oder Filter im Sehzentrum des Gehirns hervorgerufen wird.

Fakten und Risiken, die zu einer kritischen Beurteilung der Aussagen des Artikels "ChromaGen im Test" Anlaß geben:

  1. Das Verfahren: Die Beobachtung der Farbtesttafeln durch Farbfilter (-kontaktlinsen) entspricht der Beleuchtung der Tafeln mit farbigem Licht. Farbtesttafeln sind jedoch für die Beleuchtung mit weißem Licht konzipiert. Nur dann sind die Bildelemente von Sehzeichen und Hintergrund helligkeitsgleich und allein durch ihre verschiedenen Farben zu unterscheiden. Die Tafeln werden also bei Beobachtung durch Farbfilter fehlerhaft angewendet. Solche Filter absorbieren einige Farben und lassen andere ungeschwächt durch. Die dem Absorptionsbereich zugehörigen erscheinen dunkler, die dem Durchlaßbereich zugehörigen heller.

    Durch diese Helligkeitsunterschiede gelingt es dem Farbenfehlsichtigen, die farbigen Sehzeichen zu erkennen, wenn er durch Farbfilter schaut. Somit bewirken diese Filter eine Täuschung über das Farbunterscheidungsvermögen des Probanden. Ihm unterlaufen andere Verwechslungen, als sie die Tafel vorgibt. Der Farbsinn wird zwar durch die Filter verändert, der Beweis einer Verbesserung kann jedoch durch Tafeltests nicht erbracht werden, ob man sie nun gedruckt oder auf dem Bildschirm darbietet. Hierzu sind andere Prüfverfahren notwendig.

  2. Zu Risiken: Anwärter für Tätigkeiten, bei denen das Farbunterscheidungsvermögen relevant für die Sicherheit ist, werden üblicherweise mit Farbtafelserien auf normales Farbensehen geprüft. Träger von farbigen Kontaktlinsen, d.h. solchen, die auch vor der Pupille gefärbt sind, können aus den genannten Gründen eventuell die Sehzeichen der Farbtafeln trotz Farbenfehlsichtigkeit erkennen und werden dann fälschlicherweise als farbentüchtig beurteilt.

    Bei angeborenen Farbenfehlsichtigkeiten überwiegen verschiedene Typen von Rot-Grünsinn-Störungen. Der Blausinn der Betroffenen ist intakt und gerade für sie besonders wertvoll. Ob er durch ChromaGen Filter beeinträchtigt wird, ist noch zu klären.

    Werden Filtergläser und -Kontaktlinsen einseitig getragen, tritt der Pulfrich-Effekt auf. Das ist eine Täuschung der Tiefenwahrnehmung bei Beobachtung bewegter Szenen (abdunklungs-induzierter Pseudo-3D-Effekt.) Anwender der ChromaGen Farbfilter beschreiben in ihren von Burnett Hodd zitierten Briefen auffällige 3D-Wahrnehmungen z.B. während des Autofahrens.

Eine Besserung des Farbensehens durch ChromaGen wird im Artikel von Herrn Hodd nicht nachgewiesen. Die Risiken dieser Methode sind jedoch eindeutig, vor allem, wenn ihre Anwendung dazu führt, daß Farbenfehlsichtige z.B. als Piloten zugelassen werden. Aber auch beim Autofahren kann der durch einseitiges Farbfilter-Tragen hervorgerufene Pseudo-3D-Effekt zum Sicherheitsrisiko werden.

Herr Hodd möchte mit seinem Artikel farbige Filter (Kontaktlinsen) zur Korrektur von Farbfehlsichtigkeiten propagieren. Tatsächlich gibt sein Text von der ungeeigneten Methode bis zum Pseudo-3D-Nebeneffekt nur Gegenargumente her, natürlich auch gegen eine Kostenübernahme durch Krankenkassen.

Eine ausführliche Fachinformation kann angefordert werden beim

Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA)
Tersteegenstraße 12
40474 Düsseldorf
Tel (0211) 43037-00
Fax (0211) 43037-20

Prof.Dr.med. Hermann Krastel
Augenklinik der Ruprecht-Karls-Universität
Im Neuenheimer Feld 400
69120 Heidelberg
Fax (06221) 566632