Leitlinien von BVA und DOG
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA)
Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft e.V. (DOG)
eMail: bva@augeninfo.de
|
|
Zur Internet-Homepage des BVA
Zur Übersicht
Leitlinie Nr. 28
Orbitaerkrankungen / Exophthalmus (1, 2)
Leitlinien sind Orientierungshilfen im Sinne von "Handlungs- und
Entscheidungskorridoren", von denen in begründeten Fällen abgewichen
werden kann oder sogar muss. Sie beschreiben, was Augenärzte für
eine angemessene Patientenversorgung in der Praxis für geboten halten.
Dies entspricht in vielen Fällen nicht dem Leistungsniveau der
gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland (siehe
Präambel).
Definition
- Krankhafte Veränderungen im Orbitabereich mit oder ohne
Raumforderung; Orbitabeteiligung bei Systemerkrankungen oder Erkrankungen
orbitabenachbarter Strukturen
- Exophthalmus (einseitig/beidseitig):
- Ventralverlagerung des Augapfels (Abstand: laterale Orbitakante und
Hornhautscheitel)
| Mittelwerte bei Erwachsenen:
|
| Frauen
| 15 - 17 mm
| Variationsbreite 10 - 21 mm
|
| Männer
| 16 - 18 mm
| Variationsbreite 12 - 23 mm
|
- Seitendifferenz von mehr als 2 mm.
Epidemiologie
Häufigste Ursachen des Exophthalmus
- bei Kindern
- einseitig: sinugene eitrige Entzündung
- beidseitig: Leukämie und Neuroblastom-Metastasen
- bei Erwachsenen
- einseitig und beidseitig: endokrine Orbitopathie
Ziel
- Erkennung und Behandlung systemischer oder orbitanaher Grunderkrankungen
ggf. interdisziplinär
- Behandlung des Lokalbefundes, Beseitigung/Linderung funktioneller
Störungen
- Verhinderung von Komplikationen, die das Sehvermögen bedrohen
Vorgehen
Notwendig:
- Anamnese bei Folgeuntersuchung
- Änderung der okulären und/oder allgemeinen Symptome ?
- ggf. Auswirkungen einer Therapie ?
- Inspektion der Augen und ihrer Adnexe
- Sehschärfenprüfung, ggf. mit bekannter Korrektur (falls
erforderlich Ausmessen vorhandener Sehhilfen)
- Prüfung auf Lage, Stellung und Beweglichkeit der Augen und Lider
- quantitative Exophthalmometrie
- Prüfung auf afferente/efferente Pupillenstörung
- Spaltlampenuntersuchung der vorderen Augenabschnitte
- Untersuchung des zentralen Augenhintergrundes
- Dokumentation
- Befundbesprechung und Beratung
Im Einzelfall erforderlich:
- Anamnese (zumindest bei Erstuntersuchung)
- welche Beschwerden und seit wann (z.B. Schmerzen) ?
- Veränderung von Lage und Stellung eines oder beider
Augäpfel ?
- schleichend oder kurzfristig ?
- festgestellt durch Eigen- oder Fremdbeobachtung ?
- Auftreten von Doppelbildern ?
- Minderung des Sehvermögens ?
- Allgemeinerkrankungen (z.B. Schilddrüse) ?
- Allgemeinbeschwerden (z.B. Ödeme) ?
- ggf. Vergleich mit alten Fotos
- weiterführende Untersuchungen der altersentsprechenden
Basisdiagnostik (z.B. bei durch den Lokalbefund nicht zu erklärender
Visusminderung oder bei Patienten, die sich erstmals oder nach einem
Intervall von über einem Jahr nach der letzten augenärztlichen
Basisdiagnostik vorstellen, siehe Leitlinien Nr. 2 - 4)
- Prüfung der Lidspaltenweite in Primärposition, bei Auf- und
Abblick
- Vermessung der Bulbuslage in den Raumkoordinaten (neben Exophthalmometer
auch "Kestenbaumbrille")
- Prüfung der Sensibilität von Lid-/Periorbitalregion und
Hornhaut
- Auskultation der Orbitaregion
- Exophthalmometrie in Kopftieflage bzw. bei Valsalva-Manöver
- Blickrichtungstonometrie
- schwellenbestimmende oder dieser gleichwertige Perimetrie
- Untersuchung des Augenhintergrundes in Mydriasis
- bei Oberlid-Retraktion, sonstigen okulären endokrinen Zeichen oder
anamnestischen Hinweisen schilddrüsenrelevante Labordiagnostik (z.B.
fT3, fT4, basales TSH, TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK), mikrosomale
Antikörper (MAK))
- bildgebende Verfahren bei klinisch nicht ausreichend abklärbarem
Befund (insbesondere bei Einseitigkeit): Ultraschalluntersuchung, CT
und/oder MRT, ggf. DSA
- Muster-VEP bei Verdacht auf Optikus-Kompression (u.a. Seitenvergleich)
- Untersuchung des Farbsinns einschließlich Blausinn (z.B.
Velhagentafeln, Panel D 15 einschließlich Seitenvergleich)
- Motilitätsanalyse unter besonderer Berücksichtigung der
monokularen Bulbusbewegungsstrecken
- Traktionstest mit Pinzette in Oberflächenanästhesie
- Kommunikation mit Hausarzt / zuständigem Facharzt
Therapie
Therapie der verursachenden Erkrankung des Exophthalmus (z.B. Tumoren) in
Abstimmung mit zuständigem Hausarzt / Facharzt
- alle Exophthalmus-Formen
- Behandlung morphologischer Veränderungen (z.B. Hornhaut-Pflege)
- optischer Ausgleich (z.B. absorbierende Gläser,
Prismenverordnung zur Wiederherstellung von Diplopie-Freiheit beim
Blick geradeaus)
- Verhinderung irreversibler funktioneller Ausfälle (z.B.
Dekompressionsoperation)
- endokrine Orbitopathie
allgemein
- Einstellen einer stabilen euthyreoten Stoffwechsellage durch den
zuständigen Facharzt / Hausarzt
ophthalmologisch
- in der aktiven entzündlichen Phase je nach Stadium ggf.:
- systemisch Glukokortikoide
- retrobulbäre Bestrahlung
- Kombination beider Verfahren
- OP zur Entlastung des Orbitalraums
- in der inaktiven Phase je nach Befund und Beschwerden ggf.:
Ambulant/Stationär
- Diagnostik in der Regel ambulant
- chirurgische Therapie ambulant oder stationär
Kontrollintervalle
- abhängig von Diagnose, Befund und angewandtem Verfahren
- engmaschig bei Hornhautkomplikationen und/oder drohender Einbuße
des Sehvermögens
- in enger Abstimmung mit zuständigem Facharzt / Hausarzt
(1)
Sektion Schilddrüse der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie:
"Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenkrankheiten",
Der Internist (1997) 38: 177
(2) siehe Anhang:
Guthoff, R.:
"Empfehlungen zum diagnostischen Vorgehen bei Verdacht auf Orbitaerkrankungen",
1998
© 1998 BVA, alle Rechte vorbehalten
Zum Verständnis der Leitlinie: siehe Präambel
Letzte Durchsicht und Aktualisierung: 20.12.1998
*** end ***