Leitlinien von BVA und DOG
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA)
Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft e.V. (DOG)
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Anhang:
Empfehlungen zur Untersuchung und zum diagnostischen Vorgehen bei
Pupillenstörungen
PD Dr. H. Wilhelm
Leitlinien sind Orientierungshilfen im Sinne von "Handlungs- und
Entscheidungskorridoren", von denen in begründeten Fällen abgewichen
werden kann oder sogar muss. Sie beschreiben, was Augenärzte für
eine angemessene Patientenversorgung in der Praxis für geboten halten.
Dies entspricht in vielen Fällen nicht dem Leistungsniveau der
gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland (siehe
Präambel).
Untersuchung der Pupillen
Die Pupillenuntersuchung soll Auskunft über die Funktion der afferenten
und efferenten Pupillenbahn geben. Eine Routineuntersuchung umfaßt
folgende Einzelschritte:
- Man prüft orientierend die direkte Lichtreaktion beider Pupillen
mit einer hellen, streulichtarmen Lichtquelle von schräg unten, um
eine Naheinstellungsreaktion zu vermeiden (ideal: indirektes
Ophthalmoskop).
- Anschließend vergleicht man die Pupillenweite rechts und links, am
besten im Hellen und im Dunkeln, indem man den Abstand der Lichtquelle
ändert (Anisokorie?).
Fallen diese beiden Tests normal aus, liegt keine Störung der Efferenz
einschließlich Iris vor. Die Prüfung der Nahreaktion ist im
Normalfall entbehrlich, da sie nicht isoliert gestört ist. Sie ist
allerdings unentbehrlich bei gestörter Lichtreaktion (siehe dort).
- Es folgt der interokulare Vergleich der direkten Lichtreaktionen, der
Swinging-flashlight-Test. Dieser Test prüft die Afferenz, allerdings
im Seitenvergleich, das heißt, er wird Seitenunterschiede im
afferenten Pupillensystem, einen sogenannten relativen afferenten
Pupillendefekt (RAPD), nachweisen können.
Empfehlungen:
- möglichst dunkler Raum
- Beleuchtung aus 50 cm Entfernung 45° von unten
- schneller Wechsel alle 2 - 3 Sekunden, mindestens 4 - 5 mal. Die
Helligkeit des Testlichts wähle man so, daß sich die
Pupille um etwa ein Drittel ihrer Ausgangswerte verengt.
Bewertung des Tests: Man bewertet im Seitenvergleich das Ausmaß und
die Geschwindigkeit der Konstriktion der gerade beleuchteten Pupille.
Fällt auch der Swinging-flashlight-Test normal aus, ist die
Pupillenfunktion normal.
Maßnahmen bei Pupillenstörungen
- Relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD)
In jedem Fall eines
relativen afferenten Pupillendefekts ist eine angemessene Abklärung
der Ursache angezeigt. In aller Regel sind Ophthalmoskopie und Perimetrie
unumgänglich.
- Störungen der Lichtreaktion
Weitere Untersuchungen
- Nahreaktion: Die Lichtreaktion ist ebenso gestört wie die
Nahreaktion bei einer Okulomotoriuslähmung und bei einer
Läsion der Iris. Die Nahreaktion ist weniger gestört bei der
Pupillotonie und bei einer Pupillenstörung aufgrund einer
Mittelhirnläsion (Licht-Nah-Dissoziation).
- Spaltlampenuntersuchung: Dabei ergeben sich Hinweise auf mechanische
Störungen der Iris (z.B. Synechien, Sphinkterriß), auf ein
akutes Glaukom oder aber es zeigen sich die typischen segmentalen
Paresen und die zeitlupenartig langsame Bewegung bei Pupillotonie.
- Test mit Pilokarpin 0,1 % : Eine deutliche Reaktion nach 30 min.
spricht für eine Denervationshypersensibilität,
unterstützt demnach die Diagnose einer Pupillotonie (ist aber
nicht beweisend). Maßnahmen, die die Hornhautpenetration
beeinflussen, müssen vor diesem Test unterbleiben. 0,1 %
Pilokarpin kann vom Apotheker hergestellt oder selbst aus 1 %
Pilokarpin und isotonischer Kochsalzlösung gemischt werden.
- Test mit Pilokarpin 1 % beweist mechanische Behinderung der Iris
oder pharmakologische Blockade der muskarinergen Rezeptoren, wenn die
typische miotische Reaktion ausbleibt.
- Prüfung der Motilität: Obligat, um eine
Okulomotoriusparese (einseitig) und ein Parinaud-Syndrom (beidseitig,
Aufblickparese, Licht-Nah-Dissoziation) auszuschließen.
Empfohlene Maßnahmen nach Eingrenzung der Diagnose:
- Mechanische Behinderung der Iris: Weiterbehandlung entsprechend der
Ursache.
- Pharmakologische Blockade der Pupille: Nach Kontakt mit Pharmaka und
Pflanzen fragen. Kurzfristige ambulante Kontrolle (3 - 5 Tage).
- Pupillotonie: Betrifft meist Frauen im mittleren Lebensalter. In der
Regel wenig subjektive Probleme (Blendung, Störungen des
Nahsehens). Die initial weite Pupille verengt sich im Laufe der Zeit
wieder. Anamneseerhebung: Temperaturregulationsstörungen,
Kreislaufprobleme, kürzliche Infektionskrankheit, Trauma, Zeichen
der Arteriitis temporalis bei älteren Patienten. Ratsam ist bei
Kreislaufproblemen und neurologischen Ausfällen außer
Hyporeflexie Überweisung zum Neurologen. Bei älteren
Patienten mit neu aufgetretener Pupillotonie sollte man die BSG, bei
Patienten über 50 Jahre mit beidseitiger Pupillotonie die
Lues-Serologie bestimmen. In allen übrigen Fällen ist keine
weitere Abklärung notwendig. Der Patient muß über die
Harmlosigkeit der Störung aufgeklärt werden. Der Pilokarpin
0,1 % -Test ist empfehlenswert. Wenn der Patient dadurch eine
Sehverbesserung erfährt, kann das Medikament zur Anwendung
tagsüber verordnet werden. Lese- und Bifokalbrillen können
auch in jüngerem Alter notwendig werden, ggf. auch
Lichtschutzbrillen. Sinnvoll ist ein Notfallpaß, um
Fehldeutungen der Pupillenstörungen nach einem Unfall zu
vermeiden.
- Okulomotoriusparese: Bei Lähmungen der äußeren
Augenmuskeln in Verbindung mit einer weiten, schlecht auf Licht
reagierenden Pupille ist eine sofortige Kernspintomografie zur Suche
nach einem intrakraniellen Aneurysma angezeigt. Der Patient ist
stationär einzuweisen, ggf. muß eine zerebrale Angiografie
angeschlossen werden.
- Mittelhirnbedingte Pupillenstörung: Man findet typischerweise
mittelweite, schlecht auf Licht, aber gut auf Naheinstellung
reagierende Pupillen als Teil des Parinaud-Syndroms, zu dem auch eine
vertikale Sakkadenlähmung und ein
Konvergenz-Retraktions-Nystagmus und häufig Stauungspapillen
gehören. Sofortige Kernspintomografie ist angezeigt, da ein Tumor
mit Hirndruckerhöhung zugrunde liegen kann.
- Argyll-Robertson-Pupillen: Enge, schlecht auf Licht, aber gut auf
Naheinstellung reagierende Pupillen. Heute sehr selten. Lues-Serologie
ist angezeigt.
- Anisokorie mit normaler Lichtreaktion
Weitere Untersuchungen:
Achten auf: Ptosis auf der Seite der engeren Pupille, Heterochromie,
weitere Hirnnervenstörungen. Fragen nach: einseitigen Störungen
der Schweißsekretion und Temperaturregulation im Gesicht.
- Bestimmung der Geschwindigkeit der Pupillenerweiterung: Beobachten
beider Pupillen bei schwacher Beleuchtung tangential von unten im
dunklen Raum. Eine zweite Lichtquelle wird ein- und ausgeschaltet. Bei
physiologischer Anisokorie erweitert sich die engere Pupille genauso
schnell wie die weitere, bei Horner-Syndrom deutlich langsamer.
- Wenn die Dilatation verlangsamt ist oder Hinweise auf ein
Horner-Syndrom bestehen (s.o.) und immer bei Anisokorie über 1
mm: Kokaintest. 5 % Kokain-HCl erweitert die Pupillen innerhalb
einer Stunde normalerweise um 1 - 3 mm und vermindert bei einer
physiologischen Anisokorie den Seitenunterschied. Besteht eine Stunde
nach Kokain 5 % noch eine Seitendifferenz von 1 mm und mehr, so ist
dies als starker Hinweis auf ein Horner-Syndrom anzusehen, bleibt die
Anisokorie unter 0,3 mm, ist physiologische Anisokorie sehr
wahrscheinlich. Bei Säuglingen empfehlen wir 2,5 % Kokain.
Kokain-Augentropfen können vom Apotheker hergestellt werden,
wobei die Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes beachtet
werden müssen.
- Bei Nachweis eines Horner-Syndroms empfiehlt sich - soweit
verfügbar - der Test mit Pholedrin 5 % , Hydroxyamphetamin 1 %
oder Tyramin 2,5 % - Augentropfen zur Lokalisation der Läsion
(mindestens 3 Tage nach Kokaintest). Fällt nach ca. 45 min. die
Pupillenerweiterung auf der betroffenen Seite deutlich schlechter als
auf der nicht betroffenen Seite aus, ist das 3. Neuron der
Sympathikusbahn geschädigt (postganglionär), im anderen Fall
das erste oder zweite (präganglionär). Leider ist im Moment
keines dieser Medikamente in Deutschland kommerziell als Augentropfen
erhältlich. Es ist zu hoffen, daß die Industrie sich dieses
Problems annimmt. Einige Restbestände von Pholedrin sind noch
vorhanden.
Weitergehende Abklärung:
- Physiologische Anisokorie: keine weiteren Maßnahmen
- Horner-Syndrom:
- Erstes oder zweites Neuron: Internistische und neurologische
Untersuchung, Thorax-Röntgen als minimale apparative
Diagnostik. Hirnstamm- und HWS-Symptomatik beachten,
Raumforderung zervikal (Struma!) und mediastinal
ausschließen
- Drittes Neuron, akut oder mit weiteren Hirnnervenausfällen:
Überweisung zur Kernspintomografie der betroffenen Region
(Karotisdissektion, Läsion von Schädelbasis oder Sinus
cavernosus)
- Drittes Neuron, lange bestehend und isoliert: Beobachten, nach
Zeichen des Cluster-Kopfschmerzes fragen, ggf. neurologische
Weiterbehandlung
- Kindliches Horner-Syndrom, unabhängig von Lokalisation (da
transsynaptische Degeneration möglich): Kinderärztliche
Untersuchung; Screening, wenn Horner-Syndrom nicht durch
(Geburts-) Trauma erklärbar: Katecholamin-Screening und
weiterführende Diagnostik zum Neuroblastom Ausschluß
Andere Pupillenstörungen:
- Vermehrte Pupillenunruhe im Hellen: kein Krankheitswert
- Ausgeprägte Pupillenoszillationen im Dunkeln sind Zeichen
von Ermüdung und können pupillografisch erfaßt
und zur objektiven Diagnostik pathologischer Einschlafneigung
genutzt werden.
- Extrem enge Pupillen (bds.): Opiatkonsum möglich
- Bds. weite Pupillen mit schlechter Licht- und Nahreaktion:
erhöhter Sympathotonus möglich, Patienten beruhigen,
Untersuchung wiederholen
- Einseitige spastische Pupillenerweiterung (vor allem bei
Migräne beschrieben), auch segmental: Kokaintest, Vorgehen
wie bei Horner-Syndrom
- Paradoxe Pupillenreaktion (Konstriktion bei Dunkelheit, sehr
selten): Elektrophysiologische Diagnostik zum Ausschluß
einer degenerativen Netzhauterkrankung
© 1998 BVA, alle Rechte vorbehalten
Zum Verständnis der Empfehlung: siehe Präambel
Letzte Durchsicht und Aktualisierung: 20.12.1998
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